Pressemitteilung des Philologenverbands Baden-Württemberg (PhV BW) aufgrund aktueller Berichte von Lehrkräften an Gemeinschaftsschulen (GMS)

• PhV fordert ein tragfähiges pädagogisches Konzept für die Gemeinschaftsschulen im Land
• Rückmeldungen von GMS-Lehrkräften stellen nach Ansicht des PhV einen Offenbarungseid dar
• Vorsitzender Ralf Scholl: „An den GMS wird den Kindern bis Klasse 8 ein notenfreier Scheinerfolg bescheinigt – das dicke Ende kommt dann in den Klassenstufen 9 und 10“
• Gymnasiallehrer an GMS von Mobbing betroffen

Stuttgart, 12. Februar 2020
Az. 1911 / 2020-05

Rückmeldungen von GMS-Lehrern, die der PhV BW in den vergangenen Monaten erhalten hat, legen folgende Schlussfolgerungen nahe:

1. Die Verbalbeurteilungen der Schülerinnen und Schüler werden von vielen Kindern und Eltern nicht verstanden, da sie in der Regel sehr wohlwollend und ermutigend formuliert werden. Noten gibt es an den meisten GMS erst ab Klasse 9. Kinder, die auf Basisniveau lernen, und ihre Eltern erliegen so teilweise bis zur 8. Klasse der Illusion, sie würden auf die Oberstufe und das Abitur vorbereitet.
2. Kinder mit einer Grundschulempfehlung für das Gymnasium bringen schwächere Schüler oft nicht auf ein höheres Niveau (wie von der GMS-Konzeption vorgesehen), sondern passen sich innerhalb weniger Jahre an das vorherrschende Basisniveau an. Sie lernen an der GMS, dass sich Anstrengung nicht lohnt: Jedes Kind rückt — egal wie schwach seine Leistung ist — immer in die nächste Klasse weiter.
3. Praktisch durchgängig werden von den Lehrkräften massive Disziplinprobleme in den Lerngruppen und während der selbstorganisierten Arbeitszeit beklagt, die ein effektives Lernen teilweise unmöglich machen.
4. Einige Lehrer schildern bezüglich der Anmeldenoten zur Abschlussprüfung bzw. für die VERA-Tests die klare Aufforderung ihrer Schulleitung, die Noten zu schönen. Die Ergebnisse der Mittlere-Reife-Prüfungen der GMS bestätigen diesen schweren Vorwurf: So liegt die durchschnittliche Anmeldenote in Mathematik landesweit bei 3,2, während die in der schriftlichen Prüfung erzielte Note im Durchschnitt nur 3,9 beträgt. Rund ein Viertel der GMS-Schüler erreicht in der schriftlichen Mathematik-Abschluss-Prüfung nicht die Note „ausreichend“.

Der PhV-Vorsitzende Ralf Scholl fordert vom Kultusministerium daher: „Es muss endlich ein tragfähiges pädagogisches Konzept für die GMS her!“

In Baden-Württemberg wurde 2012 mit den ersten 41 GMS ein pädagogisches Konzept eingeführt, das weltweit nirgendwo sonst Anwendung findet: Ein Konzept, in dem Lehrer zu „Lernbegleitern“ degradiert werden und Schüler sich nach kurzen inhaltlichen Inputs den gesamten Stoff selbst erarbeiten sollen. Dieses Konzept ist insbesondere für schwächere Schüler – die an der GMS die Mehrheit stellen – völlig ungeeignet. Die schwächsten Schüler benötigen gerade die engste und intensivste Führung und Betreuung. Dies wurde auch in der WissGem-Studie, der Begleitstudie zur Evaluation der Gemeinschaftsschulen, genauso festgestellt – vgl. im Abschlussbericht S. 72 die Aussagen über die intensivsten Lernzeiten! Im Übrigen sparte die Studie dieses neuen Konzepts in ihren Untersuchungen die Leistungsentwicklung der Schülerinnen und Schüler praktisch vollständig aus.

Selbst der Schöpfer dieses Schulkonzepts, der Schweizer Privatschul-Unternehmer Peter Fratton, bezweifelte vor der Einführung der Gemeinschaftsschulen in Baden-Württemberg 2012 bei der Anhörung in der Stuttgarter Liederhalle, dass dieses pädagogische Konzept als Grundlage einer öffentlichen Schulform geeignet ist.

Der PhV-Vorsitzende Ralf Scholl fordert deshalb: „Es ist längst überfällig, dass die Lernerfolge der GMS-Schüler wissenschaftlich untersucht werden: Die Anzahl der GMS-Schüler, die nach den Klassen 7 und 8 an Werkrealschulen wechselt bzw. zu wechseln versucht, legt ein beredtes Zeugnis davon ab, wie wenig diesen Kindern an den GMS vermittelt wird.“ Nur sind die meisten Werkrealschulen mittlerweile geschlossen, da sie für ihre 5. Klassen zwei Jahre hintereinander weniger als 16 Anmeldungen hatten - und das, obwohl sie wegen der großen Rückläuferzahl von GMS-Schülern jetzt z.T. zwei achte Klassen führen würden.

Ralf Scholl erklärt dazu: „Hier wird aus ideologischen Gründen („Eine Schule für alle“) ein ungedeckter Scheck auf Kosten einer ganzen Schülergeneration ausgestellt. Die GMS sind bislang jeden Erfolgsbeweis schuldig geblieben, dass sie — trotz wesentlich höherer Kosten — auch nur einen Deut besser sind als die klassischen Schulformen. Frau Kultusministerin, geben Sie den Gymnasien und Realschulen die finanziellen Ressourcen der GMS (einen Sachkostenzuschuss von über 1.300 € pro Schüler und Jahr an den GMS im Vergleich zu rund 800 € für Schüler an Gymnasien und Realschulen) und geben Sie uns auch die deutlich kleineren Klassen! Dann zeigen wir Ihnen, wie viel mehr man mit diesem Geld an klassischen Gymnasien und Realschulen erreicht.“

Des Weiteren geht der PhV-Vorsitzende auf die Oberstufen an der GMS ein: „Das Abitur an GMS-Oberstufen ist exakt das gleiche wie an jedem allgemeinbildenden Gymnasium, auch das Kurssystem unterscheidet sich nicht, weder in Inhalt noch Anspruch. Die Oberstufen an GMS bringen daher nichts Neues. Sie werden aufgrund geschönter Daten eingerichtet: In Konstanz begann die GMS mit 57 Oberstufen-Schülern von 87 prognostizierten, in Tübingen mit 37 von 60. Solche kleinen Oberstufen sind so überflüssig wie ein Kropf, da sie für die Schüler ohne Kooperation mit den benachbarten Gymnasien keinerlei Wahlfreiheit bei Leistungs- und Basiskursen bieten können. Diese Oberstufen haben nur einen einzigen Zweck: die GMS bei der Schulwahl der Viertklässler aufzuwerten. Die GMS sind finanziell ein Fass ohne Boden und bringen keine besseren Lernleistungen der GMS-Schüler. Ausschließlich die Anhänger von „Eine Schule für alle Kinder“ sehen in ihr einen Fortschritt. Wie lange soll in Baden-Württemberg eigentlich noch das bestehende und ehemals sehr gute Schulsystem kaputtgespart werden, um auf der anderen Seite endlos Geld in GMS zu pumpen? Wann wird in BW endlich intelligent in echte Schulqualität investiert?“

Als letzten Punkt spricht der PhV-Vorsitzende die große Unzufriedenheit gymnasialer Lehrkräfte an Gemeinschaftsschulen an. Eine Unzufriedenheit, die so groß ist, dass es verbeamtete gymnasiale Lehrkräfte gibt, die mittlerweile lieber ihr Beamtenverhältnis gekündigt haben als weiter an einer GMS zu unterrichten.

Folgende Punkte werden von gymnasialen Lehrkräften an GMS immer wieder angesprochen:

1. An meiner GMS gibt es maximal ein bis zwei gymnasiale Schüler pro Lerngruppe, aber rund drei Viertel mit Hauptschulempfehlung, für deren Unterricht mir Ausbildung und Handwerkszeug fehlen.
2. Mindestens fünf bis sechs Schüler pro Lerngruppe sind verhaltensauffällig. Aufgrund der dauernden Störungen ist es nur wenige Minuten pro Stunde überhaupt möglich, eine Lernatmosphäre herzustellen.
3. Die „individuellen Lernzeiten“ mit Selbstkontrolle durch die Schüler sind insbesondere für die schwächeren Schüler eine völlige Überforderung. Sie holen sich die zur Kontrolle gedachten Lösungen und schreiben sie einfach ab. Danach bestätigen sie sich: „Lernziel erreicht!“
4. Die Belastung aller Lehrkräfte an den GMS ist enorm. Die massive Arbeitsleistung der Kolleginnen und Kollegen verpufft aber zum größten Teil, da das pädagogische Konzept an den Bedürfnissen der Schüler vorbeigeht.
5. Der in massivem Umfang fachfremd erteilte Unterricht gefährdet ebenfalls die Unterrichtsqualität.
6. Von Seiten des Kollegiums gibt es an einzelnen GMS massives Mobbing gegen die aufgrund ihres Universitätsstudiums besser bezahlten gymnasialen Kolleginnen und Kollegen.
7. Wegversetzungen von gymnasialen Lehrkräften von Gemeinschaftsschulen an Gymnasien werden auch nach fünf, sechs Jahren aufreibender Tätigkeit generell „aus dienstlichen Gründen“ abgelehnt. Einmal gymnasiale Lehrkraft an einer GMS bedeutet anscheinend „lebenslänglich GMS“.
Insbesondere bezüglich des letzteren Punktes fordert der PhV-Vorsitzende Abhilfe.

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An den Gymnasien des Landes Baden-Württemberg werden über 300.000 Schülerinnen und Schüler unterrichtet. Der Philologenverband Baden-Württemberg e.V. (PhV BW) vertritt mit rund 9.000 im Verband organisierten Mitgliedern die Interessen der Lehrerinnen und Lehrer an den 462 öffentlichen und privaten Gymnasien des Landes.

Im gymnasialen Bereich hat der Philologenverband BW sowohl im Hauptpersonalrat beim Kultusministerium als auch in allen vier Bezirkspersonalräten bei den Regierungspräsidien die Mehrheit und setzt sich dort für die Interessen der ca. 30.000 Lehrkräfte an den Gymnasien des Landes ein.