Pressemitteilung des Philologenverbands Baden-Württemberg (PhV BW) zur Situation am Michelberg-Gymnasium in Geislingen

• Philologenverband fordert Erhalt des Michelberg-Gymnasiums
• PhV-Vorsitzender Ralf Scholl: „Dass ein Gymnasium mit 600 Schülern in Folge eines Bauskandals und der finanziellen Schieflage des Schulträgers abgewickelt werden soll, ist ungeheuerlich und bundesweit einmalig“
• PhV fordert Einrichtung eines Runden Tisches und Überlegungen zu einer Auffanglösung durch Kreis und Land

 

Der PhV BW als Verband der gymnasialen Lehrkräfte fordert alle Beteiligten auf, schnellstmöglich eine Lösung zur Erhaltung des Michelberg-Gymnasiums (MiGy) in Geislingen zu entwickeln. Der PhV-Vorsitzende, Ralf Scholl erklärt dazu: „Die Stadt Geislingen, der Landkreis Göppingen, der Regierungsbezirk Stuttgart und das Land Baden-Württemberg sind angesichts dieser außerordentlichen Situation gefordert, sich an einem Runden Tisch auch mit direkt Betroffenen zusammenzusetzen und eine alternative Schulträger-Lösung zu entwickeln. Momentan hängen 600 Schüler und 60 Lehrer völlig in der Luft.“

Dass ein massiver Bauskandal mit jahrelangem Gerichtsprozess und die auch dadurch entstandene Finanznot des Schulträgers zur Schließung eines Gymnasiums führt, für das ganz offensichtlich Bedarf besteht, ist ungeheuerlich und bundesweit einmalig. Für das MiGy muss eine Lösung gefunden werden, die auch den kommenden Fünftklässlern erlaubt, ein Gymnasium zu besuchen. Scholl fragt: „Soll die Finanzkraft einer Gemeinde, also der Geldbeutel, wieder über die Bildungschancen unserer Kinder entscheiden?“

Hier zeigt sich die ganze Absurdität unserer Schulfinanzierung: Das Land ist Träger der Personalkosten. Sämtliche Sachkosten sind aber von Städten und Gemeinden zu schultern. Wie gut das funktioniert, kann jeder an den vielen heruntergekommenen Schulgebäuden im Land ablesen - und das trotz einer Sachkostenzuweisung pro Schüler und Jahr von rund 800 Euro pro Gymnasiast bzw. Realschüler, aber rund 1.300 Euro pro GMS-Schüler.“

Unter anderem sind aus Sicht des PhV folgende Fragen schnellstmöglich zu klären:

• Kann eine Teilnutzung der Schulgebäude auch über das Schuljahr hinaus kurzfristig erreicht werden?
• Gibt es innerstädtischen Leerstand, der zumindest der jetzigen Kursstufe 1 einen kontinuierlichen Schulalltag im Abiturjahr ermöglicht?
• Welche Formen der Kooperation mit dem Helfenstein-Gymnasium sind möglich?
• Was können die umliegenden Gemeinden und der Kreis Göppingen tun, um zu helfen?
• Könnte eine Auffanglösung für das Michelberg-Gymnasium durch eine vorübergehende gemeinsame Trägerschaft von Gemeinde, Kreis und Land vielleicht eine Möglichkeit sein, das MiGy kurzfristig zu erhalten?

Der PhV erklärt sich solidarisch mit den Schülerinnen und Schülern, ihren Eltern, dem Kollegium und der Schulleitung des Michelberg-Gymnasiums Geislingen.

Der Verband der Gymnasiallehrerinnen und Gymnasiallehrer fordert von den Verantwortlichen der Stadt Geislingen und dem Land, alles Menschenmögliche zu tun, um sicherzustellen, dass das Wohl der betroffenen Kinder und Jugendlichen, der Eltern, der Lehrkräfte und der künftigen Schülergenerationen bei den anstehenden Entscheidungen im Vordergrund steht.

Nachdem Kultusministerin Dr. Susanne Eisenmann gestern bei einer Demonstration in Böhmenkirch Hilfe für das MiGy versprochen hat hofft der PhV, dass die Zusammenarbeit zwischen allen Ebenen jetzt deutlich Fahrt aufnimmt und dass aus der zarten Hoffnung auf einen Erhalt des Gymnasiums zügig konkrete Realität wird.

 

Hintergrund

Am Michelberg-Gymnasium (MiGy) in Geislingen ist der neu gebaute Naturwissenschafts-Trakt seit zwei Jahren wegen Einsturzgefahr gesperrt. Im Sommer 2019 stellte sich zudem heraus, dass der Brandschutz im ganzen Gebäude aufgrund unzulässiger Materialien nicht gewährleistet ist.

Seitdem läuft der Unterricht am Michelberg-Gymnasium nur mit einer ständigen Brandwache vor Ort mit Sondergenehmigung weiter.

Nach 21 Millionen Euro Baukosten bisher würde die Komplettsanierung jetzt zusätzliche 30 Millionen Euro kosten.
Die Stadt Geislingen als Schulträger war angesichts dieser Kosten nicht in der Lage, für die Jahre 2020 bis 2023 einen genehmigungsfähigen Haushalt vorzulegen. Daraufhin untersagte das RP Stuttgart dem MiGy die Aufnahme neuer Fünftklässler zum Schuljahr 2020/21. (Erwartet wurden Neuanmeldungen für vier Parallelklassen.) Damit droht dem MiGy die Schließung.

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An den Gymnasien des Landes Baden-Württemberg werden über 300.000 Schülerinnen und Schüler unterrichtet. Der Philologenverband Baden-Württemberg e.V. (PhV BW) vertritt mit rund 9.000 im Verband organisierten Mitgliedern die Interessen der Lehrerinnen und Lehrer an den 462 öffentlichen und privaten Gymnasien des Landes.

Im gymnasialen Bereich hat der Philologenverband BW sowohl im Hauptpersonalrat beim Kultusministerium als auch in allen vier Bezirkspersonalräten bei den Regierungspräsidien die Mehrheit und setzt sich dort für die Interessen der ca. 30.000 Lehrkräfte an den Gymnasien des Landes ein.