Zumeldung des Philologenverbands Baden-Württemberg (PhV BW) zum dpa-Interview des Ministerpräsidenten zum Thema Rechtschreibung:

• „Lebt der Ministerpräsident in einer Parallelwelt?“ — Verband der Gymnasiallehrkräfte entsetzt über Kretschmanns Äußerungen zur Rechtschreibung
• PhV-Vorsitzender Ralf Scholl: „Rechtschreibung ist und bleibt elementar wichtig“

 

Stuttgart, 25. Januar 2020
Az. 1911 / 2020-01

Der Vorsitzende des PhV BW, des Verbands der gymnasialen Lehrkräfte in Baden-Württemberg, Ralf Scholl, kommentiert die Aussagen von Ministerpräsident Winfried Kretschmann zum Thema Rechtschreibung im dpa-Interview vom 24.1.2020 folgendermaßen:

Winfried Kretschmann sollte sich vor solchen Aussagen zuerst einmal gründlich informieren. Die Professoren der baden-württembergischen Hochschulen klagen lautstark über mangelhafte Rechtschreibung in den Semester- und Examensarbeiten ihrer Studentinnen und Studenten.

Es ist dem Ministerpräsident natürlich unbenommen, zu jedem Thema seine persönliche Meinung zu äußern. Wenn er aber keine Ahnung hat, sollte er im eigenen Interesse besser schweigen: „Si tacuisses, philosophus mansisses.“ lernte man früher im Lateinunterricht.

Dem Ministerpräsidenten wurde — nach eigenen Worten — in den Fünfzigerer- und Sechzigerjahren in der Schule eine fehlerfreie Rechtschreibung vermittelt. Kein Wunder, dass er kein Problem sehen kann: Er ist ja nicht betroffen.

Die Autokorrektur der Textprogramme ersetzt keineswegs eigene Rechtschreibkenntnisse: Wer öfter Texte liest, die - trotz automatischer Rechtschreibkorrektur - nur so vor Fehlern strotzen, weiß, dass es nicht so einfach funktioniert.
Und die lautstark geäußerte Meinung einzelner pubertärer Schüler: „Rechtschreibung muss ich doch nicht beherrschen, das korrigieren in Zukunft mein Computer und meine Sekretärin“, können sich eben nur die Erben von Familienbetrieben leisten. Für alle anderen gilt: Eine berufliche Position mit Sekretärin musst du erst einmal erreichen.

Mangelhafte Rechtschreibung ist aber auch heute eine harte soziale Hürde, die sich nur schwer aus dem Weg räumen lässt: Rechtschreibfehler in Bewerbungsschreiben verhindern sehr effektiv die Einladung zu Bewerbungsgesprächen.

Die Stärkung des Deutschunterrichts und der Rechtschreibung, nachdem in den letzten 25 Jahren in den Bildungsplänen immer weniger Wert auf Rechtschreibung gelegt wurde, ist überfällig und richtig. Die fatale Methode „Schreiben nach Hören“ in der Grundschule hat ein übriges dazu getan, eine ganze Generation von Kindern mit massiven Rechtschreibproblemen aus der Schule ins Leben zu entlassen. Es ist gut, dass daraus mittlerweile Konsequenzen gezogen wurden.

Die Professoren an den Hochschulen sind zunehmend fassungslos, wie katastrophal Rechtschreibung und Grammatik in den wissenschaftlichen Arbeiten ihrer Studenten, selbst in wichtigen Abschlussarbeiten, mittlerweile sind. Fünf bis zehn Fehler pro Seite sind trotz Rechtschreib- und Grammatikprüfung im Textprogramm keine Seltenheit mehr.

Die Äußerungen des Ministerpräsidenten sind ein massiver Bärendienst für alle Bemühungen, Baden-Württembergs Schüler wieder vom Mittelmaß an die deutsche und internationale Leistungsspitze zu bringen.

Die zweifelhafte Qualität der aktuellen Autokorrektur-Qualität wird unter https://youtu.be/0SfwCr3bQYw auf den Punkt gebracht. — Vorsicht: Satire!

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An den Gymnasien des Landes Baden-Württemberg werden über 300.000 Schülerinnen und Schüler unterrichtet. Der Philologenverband Baden-Württemberg e.V. (PhV BW) vertritt mit rund 9.000 im Verband organisierten Mitgliedern die Interessen der Lehrerinnen und Lehrer an den 462 öffentlichen und privaten Gymnasien des Landes.

Im gymnasialen Bereich hat der Philologenverband BW sowohl im Hauptpersonalrat beim Kultusministerium als auch in allen vier Bezirkspersonalräten bei den Regierungspräsidien die Mehrheit und setzt sich dort für die Interessen der rund 30.000 Lehrkräfte an den Gymnasien des Landes ein.