• Philologenverband fordert Nachbesserungen im Doppelhaushalt 2020/2021
• PhV-Vorsitzender Ralf Scholl „Bei den Gymnasien kommen keine zusätzlichen Stellen an – trotz des erheblichen Mehrbedarfs in Folge der neuen Kursstufe“
• Weitere Verschlechterung der Unterrichtsversorgung befürchtet
• Mathematik, Englisch und Deutsch mit großem Abstand am häufigsten als Leistungsfach gewählt

 

Der Philologenverband Baden-Württemberg (PhV BW) kritisiert, dass im Doppelhaushalt 2020/2021 für die Gymnasien praktisch keine zusätzlichen Stellen vorgesehen sind. „Wir fordern die Landesregierung und die Landtagsfraktionen dringend auf, bei der Unterrichtsversorgung an den Gymnasien nachzusteuern“, so der PhV-Vorsitzende Ralf Scholl.

Der Philologenverband Baden-Württemberg befürchtet, dass sich die bereits vorhandene Lücke bei der Lehrerversorgung an den Gymnasien im Jahr 2020 weiter vergrößern wird – in den ersten fünf Wochen des laufenden Schuljahres konnten laut einer Erhebung der Arbeitsgemeinschaft der Elternvertretungen an den Gymnasien im Regierungsbezirk Stuttgart fast 11 % des vorgesehenen Unterrichts nicht wie geplant stattfinden.

Eine Umfrage des Philologenverbands, an der sich 67 der rund 330 G8-Gym-nasien im Land beteiligt hatten, ergab, dass das Kultusministerium den durch die Einführung der neuen Oberstufe bedingten zusätzlichen Lehrerbedarf anscheinend massiv unterschätzt hat: Laut der PhV-Befragung beläuft sich der tatsächliche Mehrbedarf an den Schulen für die neu organisierte Kursstufe 1 (K1) der G8-Gymnasien auf knapp 250 Stellen, während das Ministerium als Ergebnis der veränderten „Oberstufenformel“ lediglich ca. 130 zusätzlich benötigte Stellen ermittelt hatte. Im Staatshaushaltsplan 2019 wurden aber tatsächlich nur 65 zusätzliche Stellen geschaffen.

Der Mehrbedarf entsteht durch die Einführung der neu strukturierten Oberstufe zum Schuljahr 2019/2020. Sie beinhaltet u.a. eine Erhöhung der Wochenstunden in den Leistungsfächern von vier auf fünf und in den naturwissenschaftlichen Basisfächern von zwei auf drei Stunden. Zudem kann eine „ungünstige“ Kurswahl der Schüler zur Notwendigkeit von mehr Kursen führen: Konnte beispielsweise eine Schule mit 69 Schülern bis zum letzten Schuljahr in den Pflichtfächern Deutsch und Mathematik jeweils drei vierstündige Kurse mit 23 Schülern bilden, wofür insgesamt 24 Lehrer-Wochenstunden benötigt wurden, entstehen jetzt aufgrund der Schüler-Wahl — laut PhV-Umfrage wählen landesweit ca. 44 % der Schüler Deutsch und ca. 55 % Mathematik als Leistungsfach — fast zwangsläufig jeweils zwei Leistungsfach- und zwei Basisfach-Kurse mit einem Stundenaufwand von insgesamt 32 Lehrerwochenstunden.

„Dass die (im Durchschnitt pro Gymnasium) zugewiesenen fünf zusätzlichen Lehrerwochenstunden für den erhöhten Bedarf viel zu wenig sein würden, war unter diesen Umständen von vornherein absehbar“, kommentiert Ralf Scholl. Der Rest sollte aus der „demografischen Rendite“ aufgrund zurückgehender Schülerzahlen und aus dem sogenannten „Ergänzungsbereich“ der Gymnasien – d.h. durch die Streichung von Arbeitsgemeinschaften in Bereichen wie Kultur, Sport, Sprachen und Naturwissenschaften – erwirtschaftet werden.

Im Schuljahr 2020/2021 wird mit der Umstellung auch des zweiten Kursstufen-Jahrgangs auf die neue Organisation mit Leistungs- und Basisfächern noch einmal ein ähnlich hoher Stunden-Mehrbedarf von 200 bis 250 Stunden entstehen. „Dieser Mehrbedarf ist im Staatshaushaltsplan-Entwurf 2020/2021 mit exakt null Stunden hinterlegt“, moniert Ralf Scholl. „Dass eine Landesregierung eine Verschlechterung der Unterrichtsversorgung ab September 2020 um ein volles Prozent in Kauf nimmt, obwohl im Gymnasialbereich in fast allen Fächern genügend Neubewerber zur Verfügung stehen, um die zusätzlichen 200 bis 250 notwendigen Lehrerstellen auch zu besetzen, ist für mich völlig unverständlich.“ Die Landespolitik sei dringend aufgefordert, Nachbesserungen am vorliegenden Haushaltsplanentwurf vorzunehmen. „Ansonsten ist absehbar, dass sich die Unterrichtssituation an den Gymnasien deutlich verschlechtern wird“, so der PhV-Vorsitzende abschließend.

Die Ergebnisse der PhV-Umfrage an den Gymnasien des Landes finden Sie in der beiliegenden Tabelle mit drei Blättern.

Interessante Einzelergebnisse sind:
• Deutsch als Leistungsfach wählen ca. 44 % der Schülerinnen und Schüler (SuS).
• Mathematik als Leistungsfach wählen ca. 55 % der SuS.
• Englisch wird als Leistungsfach von 52 % der SuS gewählt.
• Auf dem zweiten Rang der Fremdsprachen-Leistungsfächer folgt Französisch mit 7 % vor Spanisch mit 5 %, Latein mit 3 % und Italienisch mit 1 %. Russisch und Chinesisch wurden von weniger als 1 % gewählt.
• Bei den Naturwissenschaften liegt Biologie mit 28 % bei der Leistungsfach-Wahl auf dem ersten Rang in der Beliebtheit, gefolgt von Physik mit 16 %, Chemie mit 12 % und Informatik sowie NwT mit je 1 %.
• Bei den Gesellschaftswissenschaften liegt das Leistungsfach Wirtschaft mit 18 % vor Geographie und Gemeinschaftskunde mit je 8 % sowie Geschichte mit 7 %. Weit abgeschlagen folgen Religion mit 2 % und Ethik mit 1 %.
• Sport wurde von 18 % der SuS als Leistungsfach belegt, Bildende Kunst von 11 % und Musik als Leistungsfach wurde von 5 % der SuS gewählt.
• Die Größe der Leistungskurse variiert extrem von 30 SuS in einem Chemie-Kurs bis zu extrem kleinen Kursen mit fünf SuS in diversen Sprachen.
• Die größten Basiskurse haben 34 Teilnehmer.
• Im Durchschnitt benötigte jede Schule ca. 9 Lehrerstunden mehr für ihr Angebot, als vom Kultusministerium per „Oberstufenformel“ vorgegeben.

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An den Gymnasien des Landes Baden-Württemberg werden über 300.000 Schülerinnen und Schüler unterrichtet. Der Philologenverband Baden-Württemberg e.V. (PhV BW) vertritt mit rund 9.000 im Verband organisierten Mitgliedern die Interessen der Lehrerinnen und Lehrer an den 462 öffentlichen und privaten Gymnasien des Landes.

Im gymnasialen Bereich hat der Philologenverband BW sowohl im Hauptpersonalrat beim Kultusministerium als auch in allen vier Bezirkspersonalräten bei den Regierungspräsidien die Mehrheit und setzt sich dort für die Interessen der ca. 30.000 Lehrkräfte an den Gymnasien des Landes ein.