Zumeldung des Philologenverbands Baden-Württemberg (PhV BW) zur Pressemitteilung des Kultusministeriums „Strategien gegen Unterrichtsausfall“ vom 04.11.2019:

* Philologenverband fordert Lehrerversorgung von 110 %, um Unterrichtsausfall zu minimieren
* PhV-Vorsitzender Ralf Scholl: „Druck auf Schulleitungen zaubert keine Lehrkräfte herbei“

 

Das Kultusministerium will aus den mittlerweile dreimal jährlich durchgeführten, einwöchigen Erhebungen an den Schulen zum Unterrichtsausfall „Konsequenzen ziehen“ und lädt die Direktoren von 80 Schulen mit den höchsten Ausfallquoten jeweils zum Gespräch ins Regierungspräsidium. Der Philologenverband Baden-Württemberg (PhV BW) nimmt hierzu wie folgt Stellung:

„Schlimm ist, dass damit ausgerechnet die Direktorinnen und Direktoren der am schlechtesten versorgten Schulen, bei denen in der Folge dann der meiste Unterricht ausfällt, zum Gespräch gebeten werden“, kritisiert der Vorsitzende des Philologenverbands Baden-Württemberg, Ralf Scholl. „Das ist der klassische Schuss ins eigene Knie: Künftig werden also gerade die Schulleitungen mit den größten Lehrerversorgungsproblemen nicht nur von den Eltern unter Druck gesetzt, sondern zusätzlich noch „von oben“ durch das Kultusministerium bzw. das Regierungspräsidium — und das in einer Zeit, in der sich auf die meisten Ausschreibungen von Schulleiterstellen maximal eine Bewerberin oder ein Bewerber meldet.“

„Ohne zur Verfügung stehende Vertretungslehrkräfte gibt es nun einmal keinen Ersatz bei kurz- und längerfristigen Ausfällen“, erklärt Ralf Scholl. Die Vertretungslehrer-Listen im „Vertretungspool online“, in dem sich alle Interessenten für befristete Lehrerstellen registrieren sollen, sind aber für die meisten Fächer und Regionen bereits seit Anfang Oktober leergefegt.

Wie groß die Not im Vertretungsbereich ist, zeige die mittlerweile äußerst häufige, befristete Wiedereinstellung von Lehrkräften im Ruhestand für kurzfristige Vertretungen – in Einzelfällen sogar von Kolleginnen und Kollegen mit einem Alter von über 70 Jahren. „Für den Gymnasialbereich ist das (in allen sprachlichen und gesellschaftswissenschaftlichen Fächern) völlig unverständlich: Die Einstellungsquoten an öffentlichen Gymnasien lagen in diesen Fächern im Sommer durchweg bei deutlich unter 10 % der Bewerber und bei durchweg unter 25 % bei Einbeziehung der Einstellungen an privaten Gymnasien, an Gemeinschaftsschulen und Beruflichen Gymnasien“, so der PhV-Vorsitzende. Der größte Teil der nicht eingestellten Lehrkräfte „verflüchtige“ sich aber in der Zeit von Juli bis Oktober. „Wer kann und will auch so lange oder noch länger auf eine geringfügige und befristete Beschäftigung mit z.T. wenigen Wochenstunden warten?“, fragt Ralf Scholl.

Der Philologenverband Baden-Württemberg fordert deswegen nicht nur die angekündigte Erhöhung des Vertretungspools um 334 feste Stellen auf insgesamt 2.000 (für alle Schularten), was im Rahmen des Staatshaushaltsplans ab 2020 bereits vorgesehen ist. „Bezogen auf 110.000 Lehrkräfte ist ein Vertretungspool von 1,8 % immer noch zu klein: So hoch ist allein schon der langfristige Krankenstand“, erläutert Ralf Scholl. „Wenn die Lehrerversorgung tatsächlich flächendeckend ausreichen soll, muss ein Versorgungsgrad von 110 % des Pflichtunterrichts angestrebt werden“: Allein 2 % der Lehrerversorgung flössen ja in den „Ergänzungsbereich“ (Arbeitsgemeinschaften, Schulchor, Schulorchester usw.). Erst bei einem Versorgungsgrad von 102 % (nach Interpretation des Kultusministeriums) könne man also tatsächlich von einer Vollversorgung sprechen. Darüber hinaus müssten rund 2 % langfristig erkrankte Lehrkräfte ständig dauerhaft ersetzt werden. „Erst mit einem Versorgungsgrad von 104 % (nach Sprachregelung des Kultusministeriums) sind also (im Optimalfall) 100 % des Unterrichts sicher“, betont der PhV-Vorsitzende. Zu diesen 104 % Lehrerbedarf kämen dann aber noch die ausfallenden Stunden aufgrund von Krankheit, Elternzeit und außerunterrichtlichen Veranstaltungen usw. hinzu. Nach den Erhebungen des Kultusministeriums liegen diese in der Größenordnung von 6 bis 10 %. „Deswegen ist ein Versorgungsgrad von ca. 110 % die Voraussetzung für ein Minimierung des Stundenausfalls. Kein Druck auf Direktoren kann nicht vorhandene Lehrkräfte herbeizaubern“, erklärt Ralf Scholl.

Zudem merkt der Vorsitzende des Verbands der Gymnasiallehrkräfte an: „Je stärker die Belastung der Lehrkräfte insbesondere durch dauerhafte ´freiwillige´ Mehrstunden (zur Verhinderung von kurzfristigen Unterrichtsausfällen im Interesse der Kinder und der Schule) ist, desto stärker treibt dies den Krankenstand langfristig durch Überlastung in die Höhe.“

Der PhV fordert außerdem die Wiederherstellung des Konsenses, der bis zum Jahr 2012 galt: Einzelne Ausfallstunden von Lehrkräften mitten am Vormittag dürfen nicht als „Freizeit“ gegen vorher zusätzlich gehaltene Unterrichtsstunden gegengerechnet werden: „Das ist schlicht frech!“, moniert Ralf Scholl.

* * *

An den Gymnasien des Landes Baden-Württemberg werden über 300.000 Schülerinnen und Schüler unterrichtet. Der Philologenverband Baden-Württemberg e.V. (PhV BW) vertritt mit rund 9.000 im Verband organisierten Mitgliedern die Interessen der Lehrerinnen und Lehrer an den 462 öffentlichen und privaten Gymnasien des Landes.

Im gymnasialen Bereich hat der Philologenverband BW sowohl im Hauptpersonalrat beim Kultusministerium als auch in allen vier Bezirkspersonalräten bei den Regierungspräsidien die Mehrheit und setzt sich dort für die Interessen der ca. 30.000 Lehrkräfte an den Gymnasien des Landes ein.