18. Februar 2017 im Haus der Wirtschaft in Stuttgart

Qualitätsorientierte Weiterentwicklung des Schulsystems

Kultusministerin Dr. Susanne Eisenmann: "Eine intensive Auseinandersetzung mit unseren Bildungspartnern ist uns wichtig, um gemeinsam Leistungsfähigkeit und Qualität des Schulsystems zu verbessern." (Aus einer Pressemitteilung des Kultusministeriums Baden-Württemberg vom 18. Februar 2017)

Im Mittelpunkt einer Informations- und Diskussionsveranstaltung am 18. 2. 2017 im Haus der Wirtschaft in Stuttgart, zu der das Kultusministerium BW eingeladen hatte, standen die Fragen, was sind die Ursachen für das schlechte Abschneiden Baden-Württembergs beim IQB-Bildungstrend 2015, und welche Lösungen gibt es, um die Qualität von Schule und Unterricht zu verbessern? Das Kultusministerium hat an diesem Tage bildungspolitischen Partnern, Lehrerverbänden und beratenden Gremien, Gelegenheit gegeben, ihre Sicht auf die Ergebnisse des Ländervergleichs darzustellen.

Nach der Vorstellung der Ergebnisse durch Prof. Dr. Petra Stanat, Direktorin des Instituts zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB)mit besonderem Blick auf Baden-Württemberg, bot die Veranstaltung deshalb den Vertreterinnen und Vertretern der folgenden Verbände und beratenden Gremien des Kultusministeriums Gelegenheit, ihre Sicht in Form von einzelnen Stellungnahmen abzugeben: Ingeborge Schöffel-Tschinke (Landesschulbeirat), Carmen Haaf (Landeselternbeirat), Joachim Straub (Landesschülerbeirat), Doro Moritz (Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft), Bernd Saur (Philologenverband), Gerhard Brand (Verband Bildung und Erziehung), Herbert Huber (Berufsschullehrerverband), Stefan Küpper (Arbeitgeberverband), Dr. Karin Broszat (Realschullehrerverband), Prof. Dr. Claudia Vorst (Grundschulverband) und Matthias Wagner-Uhl (Verein für Gemeinschaftsschulen) haben diese Gelegenheit zu kritischen und konstruktiven Beiträgen genutzt.

Kultusministerin Susanne Eisenmann betonte unter anderem, dass Fortbildungsangebote und auch die Fortbildungsstrukturen für Lehrkräfte analysiert und der Ressourceneinsatz auf seine Effizienz hin überprüft werden sollten. Hier erwartet Ministerin Susanne Eisenmann neue Anhaltspunkte von der bereits angekündigten Überprüfung des Kultusressorts durch den Rechnungshof.

Statement von Bernd Saur, Vorsitzender des Philologenverbands Baden-Württemberg

Natürlich gibt es so manch Beklagenswertes, das nicht Baden-Württemberg-spezifisch ist, sondern das bundesweit, ja zum Teil gewiss auch europa- oder gar weltweit beklagt wird und worüber wir uns jenseits der baden-württembergischen Fragestellungen intensiv Gedanken machen müssen. Nur stichwortartig sei genannt: die Helikoptereltern, oder auf der anderen Seite des Spektrums die Eltern mit gegen Null tendierender Erziehungsleistung, die Smartphone/Youtube/Netflix-Generation (Kinder, die im öffentlichen Raum, also zum Beispiel im Bus oder Zug, komplett der Wirklichkeit entrückt zu sein scheinen), ein Thema, zu dem sich Prof. Spitzer immer wieder äußert, die nachlassende Leistungs-, Konzentrations- und Anstrengungsbereitschaft.

Wir beschäftigen uns heute jedoch mit der konkreten Frage, warum sich in den betreffenden Disziplinen die Ergebnisse unserer Neuntklässler in Baden-Württemberg zwischen 2009 und 2015 so signifikant verschlechtert haben. Dabei ist das Gymnasium weniger stark betroffen als die anderen Schularten mit Ausnahme des Englisch-Hörverstehens, wo wir im Ranking stärker abgerutscht sind als alle Schularten zusammen genommen. Dies verwundert deshalb, weil das Gymnasium bei VERA8 insgesamt (und dazu gehört bei Englisch auch das Hörverstehen) deutlich besser abgeschnitten hat als alle anderen Schularten. Da beide Testungen, also VERA8 und die heute diskutierte Erhebung aus demselben Hause kommen, nämlich dem IQB in Berlin, schauen wir einigermaßen verdutzt auf diesen Sachverhalt.

Wiewohl also insgesamt weniger stark betroffen bzw. getroffen als die anderen Schularten, erfüllt uns auch das Ergebnis des Gymnasiums mit großer Sorge, denn wir wollen ja besser und nicht schlechter werden. Wir müssen uns vorrangig konzentrieren auf Veränderungen, die zwischen 2009 und 2015 stattgefunden haben bzw. schon vor 2009, aber mit Langzeitwirkung weniger für 2009, aber ganz deutlich für 2015. Wiewohl wir bekanntermaßen der Überzeugung sind, dass eine Parallelführung von G8 und G9 ein richtiger Schritt wäre, kann die G8/G9-Frage hier nicht aufgeführt werden, denn die Schülerinnen und Schüler der 2009er-Testgruppe waren auch bereits G8-Schüler.
Es besteht Konsens darüber, dass für die zu analysierende Problematik keine einfache Monokausalität vorliegt, sondern von einem Zusammenwirken mehr oder weniger klar sichtbarer Tatbestände ausgegangen werden muss.

Sieben Punkte sind es, die wir als Einflussfaktoren zu erkennen glauben:

1) Die Frage, was unsere Kinder aus der Grundschule mitbringen oder eben nicht, und wie stark dies von Grundschule zu Grundschule variieren kann, beschäftigt unsere Fünftklasslehrer. Bezüglich des "großen Schreibstreits" (wie eine Zeitung die Auseinandersetzung der letzten Wochen nannte) unterstützen wir nachhaltig die Position der Kultusministerin. Lassen Sie es mich ganz lapidar so formulieren: Wir erwarten, dass unsere Kinder in der Grundschule neben Rechnen auch solide Lesen und Schreiben lernen. Der Vorwurf, die Kultusministerin lasse wissenschaftliche Erkenntnisse außer Acht, verleitet mich schon zu der Frage, ob denn bei der Einführung beispielsweise der Mengenlehre, dem Sprachlabor, den Fächerverbünden oder der Fremdsprachendidaktik für die Grundschule auch wissenschaftliche Erkenntnisse zugrunde lagen. Gerade das zuletzt genannte Thema wird uns in den kommenden Wochen und Monaten verstärkt beschäftigen und damit zwingend die Frage, was denn angesichts der seit Jahren zu hörenden Kritik bei diesem Thema an der damaligen, von Kultusministerin Schavan in Auftrag gegebenen wissenschaftlichen Fundierung falsch gewesen sein muss.

2) Auch die Schülerschaft des Gymnasiums ist heterogener geworden, eine Tendenz, die sich durch die erste, damals als überfällig bezeichnete und euphorisch durchgeführte Maßnahme der grün-roten Landesregierung, nämlich die Streichung der Verbindlichkeit der Grundschulempfehlung, sprunghaft verstärkte.

Diese Herausforderung ist für das Gymnasium nicht zuletzt deshalb gewaltig, als unserer Schulart, und nur unserer Schulart, ein ganzes Schuljahr weggenommen wurde. Obwohl einerseits massiv dringend nötige Anrechnungsstunden sowie das gesamte Stundenkontingent für die Organisation der Hausaufgabenbetreuung gestrichen wurden, erging andererseits das Signal an die Schulleitungen, sozusagen als Nachweis erfolgreicher Förderleistung die Nichtversetztenquote möglichst niedrig zu halten. Man könnte dieses Begehr als eine Art "administrative Tiefenstruktur" bezeichnen. Und welcher Schulleiter möchte schon in einer Stadt mit mehreren Gymnasien die höchste Sitzenbleiberquote haben?

Einige Jahre später hat er dann neben einem schwachen Abschneiden seiner Neuntklässler bei der IQB-Testung 10 Schülerinnen und Schüler, die das Abitur nicht bestanden haben. Dann meint dieselbe Behörde, dass vielleicht in den Jahren davor strenger hätte verfahren werden sollen. Die "Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass" - Methode funktioniert eben auch hier nicht. Eine niedrige Sitzenbleiberquote ist kein Ausweis für eine gute Schule. Das Gegenteil übrigens auch nicht zwingend. Die Gymnasien müssen angesichts ihrer schulgesetzlich definierten Aufgabe den Mut haben, auf die Einhaltung ihrer Standards, die eben alle Schülerinnen und Schüler erreichen sollen, zu pochen. Sonst wird das nichts mit der allgemeinen Studierfähigkeit und der vertieften Allgemeinbildung. Die gymnasialen Standards können nicht zur Disposition stehen.

3) Das Gymnasium hat sich in seiner 200jährigen Geschichte als die beständigste, die robusteste Schulart erwiesen, eine Schulart, die gemeinhin die Pendelausschläge des jeweiligen, sich oft als kurzlebig erweisenden, pädagogischen Zeitgeistes nicht devot mitmacht. Gänzlich entziehen konnte es sich zwischen März 2011 und März 2016 dem dogmatischen Ausschließlichkeitsanspruch der sogenannten neuen Unterrichtskultur (mit konkretem Niederschlag in Form der Gemeinschaftsschule) gleichwohl nicht.
Die neue Schulart selbst sieht sich außerhalb der Schusslinie, weil man 2005 noch gar keine Neuntklässler hatte und man daher auch nicht an der Untersuchung teilgenommen hat. Die Feststellung ist gleichwohl interessant, dass die Auftraggeber der wissenschaftlichen Begleituntersuchung der neuen Schulart die Schülerleistung, also genau das, worauf sich sämtliche einschlägigen Testungen (VERA8, IQB, PISA) konzentrieren, bewusst außen vor gelassen hat. Hierüber durfte nichts erhoben bzw. gesagt werden. Honi soit qui mal y pense.

Natürlich müssen und wollen wir uns mit den Themen Heterogenität und Binnendifferenzierung beschäftigen, doch hat man in den letzten zwei bis drei Jahren den Eindruck, als gäbe es nur noch diese beiden Themen. Eine präzise Definition des Begriffes Heterogenität wäre hier ebenso hilfreich wie die Feststellung, dass Binnendifferenzierung am Gymnasium nicht dasselbe bedeutet wie an der Gemeinschaftsschule.

Alles, was im Entferntesten nach sogenanntem lehrerzentrierten Unterricht riecht (außer bei der Kinderuniversität im Sommer) und nicht der Vorstellung vom Lernbegleiter nahe kommt (hierzu empfehlen wir die Lektüre des Buches von Christoph Türcke, "Lernen ohne Lehrer - Abgründe neuer Lernkultur"), wird verteufelt. Kooperative Unterrichtsformen scheinen auch dann noch gut zu sein, wenn sich Schülerinnen und Schüler gegenseitig etwas beibringen sollen, was keiner von ihnen kann oder weiß, z.B. beim Erwerb einer Fremdsprache.

Bei den drei Pfeilern "Fachkenntnisse - Lehrerpersönlichkeit - fachdidaktisch-methodisches Können" wird durch eine massive Fokussierung auf Letzteres der Eindruck erweckt, als ob dieses den guten Unterricht (fast) allein ausmache. Die Unterrichtsform oder Unterrichtskultur ist kein Selbstzweck nach dem Motto "Je kuscheliger, je vermeintlich moderner und progressiver, desto besser." Sie steht im Dienste des Lernzuwachses der Schülerinnen und Schüler.

4) "Gschaftlhuberei"
Prof. Trautwein aus Tübingen hat im SPIEGEL einen Aufsatz veröffentlicht mit dem Titel "Abgelenkt vom Kerngeschäft". Und er hat Recht. Die Lehrkräfte sind immer stärker beschäftigt mit allem Möglichen: Überarbeitung des Leitbildes, Erarbeitung des Schulcurriculums, neue Bücher sichten und aussuchen, Methoden- und sonstige Curricula erstellen, Tag der Offenen Tür und sonstige Öffentlichkeitsarbeit, Arbeits- und Gesundheitsschutz, datenschutzrechtliche Vorgaben, Wettbewerbe, Konferenzen, Arbeitsgruppen, usw usw. All das ist gut gemeint. Aber gut gemeint ist auch die Frage: was kommt davon eigentlich bei den Schülern an? Bereichert dieser Aktivismus das eigentliche Kerngeschäft oder stiehlt es wertvolle Zeit für eben dieses? Vernachlässigen wir vor lauter Gschaftlhuberei die "basics." Sind wir zu wenig für die uns Anvertrauten disponibel?

5) Wir betreiben seit nunmehr vielen Jahren "Schulentwicklung", vor allem durch Selbstevaluation (SEV) und Fremdevaluation (FEV) mit beträchtlichem Ressourcen- und seitens der Lehrkräfte und Schulleitungen großem Energie- und Zeiteinsatz. Und stellen fest, dass die Leistung der Schülerinnen und Schüler schlechter geworden ist. Wir haben die Evaluation doch wohl eingeführt, damit das Gegenteil erreicht wird. Wenn sehr viele Schulen, die bei der FEV besonders gut abgeschnitten haben, bei VERA 8 schlecht abgeschnitten haben, so stellt sich schon die Frage: Was misst die FEV eigentlich? Klafft da eine Lücke zwischen einer Art gesetzter Wunschvorstellung von guter Schule und dem, was die Schülerinnen und Schüler dort lernen, dem eigentlichen Zweck von Schule also?

6) Der Bildungsplan 2004 war der erste kompetenzorientierte Bildungsplan und es wurde beklagt/behauptet, dass er z.B. mangels adäquater Fortbildungen jahrelang gar nicht bei den Lehrern angekommen sei. Vielleicht war er ja 2009 noch nicht oder jedenfalls noch nicht ganz angekommen, 2015, also 11 Jahre nach seiner Einführung dann aber doch gewiss zu 100 Prozent. Spricht dies also vielleicht gegen die Kompetenzorientierung (davor hatten wir einen themen-, einen inhaltsorientierten Plan)? Ist die Kompetenzorientierung das letzte Wort? Ihre Kritiker verstummen jedenfalls nicht.

7) Wir plädieren nachhaltig dafür, das gymnasiale Referendariat wieder auf zwei Jahre zu verlängern. Allen Beteiligten ist inzwischen klar, dass eine nur 18monatige zweite Phase der Gymnasiallehrerausbildung der Komplexität des Berufs nicht gerecht werden kann. Wir hielten eine Verlängerung des Referendariats für einen wichtigen Schritt in Richtung Qualitätsverbesserung.

Sinnvoll wäre sicher auch ein Blick in die Siegerländer. Weshalb bleiben diese stabil oben. Was ist dort geschehen bzw. eben nicht geschehen? Die Kernfrage ist und bleibt die nach den Charakteristika für guten Unterricht. Ich fürchte hierüber gehen die Meinungen (vielleicht sogar weit) auseinander. Wir müssen aber gemeinsam um den richtigen Weg ringen. Aus dieser Verantwortung wird uns niemand entlassen.



 

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