G8/G9: "Wir brauchen die Wahlfreiheit"

Die Verkürzung der Gymnasialzeit von neun auf acht Jahre sorgt seit der Einführung bei Lehrkräften, Eltern und Schülern für Spannungen. Bernd Saur ist Vorsitzender des Philologenverbands Baden-Württemberg. Der Gymnasiallehrer setzt sich im Interview kritisch mit den Vor- und Nachteilen von G8 und G9 auseinander.

Anika Wacker

Herr Saur, nach wie viel Jahren erwerben Schüler in Baden-Württemberg das Abitur?

Grundsätzlich gibt es bei uns das Abitur nach acht Jahren. Wir haben aber im Moment in jedem Landkreis - insgesamt 44 - einen sogenannten G9-Schulversuch. Dort können sich die Eltern zwischen G8 und G9 entscheiden. An diesen Gymnasien werden die G9-Klassen von den Eltern ganz klar favorisiert: Mehr als 90 Prozent der Eltern entscheiden sich für das Abitur nach neun Jahren, sodass die umliegenden G8-Gymnasien Rekrutierungsprobleme haben und teilweise fast an die Existenzgrenze kommen.

Für welchen Weg zum Abitur plädieren Sie - nach acht oder nach neun Jahren?

Wir haben nach der Einführung von G8 in Baden-Württemberg gemerkt, dass die Parallelführung von G8 und G9 das Richtige ist. Es gibt natürlich Kinder, die problemlos das Abitur nach acht Jahren schaffen, aber es gibt auch viele, für die ein Jahr mehr sehr günstig wäre. Bei der Einführung von G8 haben wir nämlich nicht beachtet, dass die Frage der Reife bei der Bildung - gerade im Jugendalter - eine große Rolle spielt. Und da sind die Jugendlichen oft unterschiedlich weit. Viele sind mit 17 einfach noch zu jung für das Abitur. Wir brauchen die Wahlfreiheit zwischen G8 und G9.

Mit der Einführung von G8 wollte man ja dem demographischen Wandel begegnen und die Schüler international konkurrenzfähiger machen. Hat das Ihrer Ansicht nach geklappt?

Das sehe ich deshalb kritisch, weil die Argumentation von Seiten der Bildungspolitik damals lautete, dass unsere Hochschulabsolventen im internationalen Vergleich mit Ende 20 zu alt sind, wenn sie ins Berufsleben starten. Es kann sein, dass sie mit 28 zu alt waren, aber mit 22 sind sie sicherlich zu jung. Wir haben ja derzeit den folgenden Trend in Baden-Württemberg: Mit fünfeinhalb gehen die Kinder in die Schule, mit 17 machen sie das Abitur und mit 22 kommen sie zum Beispiel mit dem Bachelor-Abschluss auf den Arbeitsmarkt. Ich weiß, dass viele Firmen so junge Leute, deren Reifeprozess auch noch nicht richtig abgeschlossen ist, aber gar nicht unbedingt wollen. Auf ein Jahr mehr oder weniger an der Schule käme es da tatsächlich nicht an. Dieses eine zusätzliche Jahr könnten die Schüler für ihre Persönlichkeitsentwicklung, ehrenamtliches Engagement, Teilnahme an außerschulischen Zertifizierungen und vieles mehr sinnvoll nutzen.

Wenn wir von den wirtschaftlichen Begründungen absehen - welche pädagogischen Argumente sprechen denn Ihrer Meinung nach für bzw. gegen G8?

Weder damals bei der Einführung, noch heute höre ich in der Diskussion mit der neuen Kultusministerin Dr. Eisenmann pädagogische Argumente für die Schulzeitverkürzung. Es sind immer sachfremde Argumente. Damals war es das Argument der verlängerten Lebensarbeitszeit, heute höre ich nur schulstrukturpolitische Erwägungen. Uns geht es als Philologenverband aber um den Inhalt, uns geht es um die Schüler. Damit die Jugendlichen ihre persönliche Reife entwickeln können, muss ihnen Zeit gegeben werden. Da sind manche Schüler schneller als andere. Daher fordern wir nicht die Abschaffung von G8, sondern das Wahlangebot zwischen G8 und G9. Wir wissen beispielsweise, dass die Jungen zusehends zu Bildungsverlierern werden, weil die Mädchen oft besser abschneiden. Sie bleiben seltener sitzen, haben die besseren Noten, machen das bessere Abitur, sind besser im Studium. Gerade bei den Jungen scheint es so zu sein, dass der Faktor Zeit, gerade um die Pubertät herum, eine große Rolle spielt. Und wer das wahrnimmt, dass unsere Jungs hier ins Hintertreffen geraten, der kann vor dieser Diskussion die Augen nicht verschließen. Nicht alle Jungs sind Spätentwickler, aber ihre Performance ist jedenfalls im Durchschnitt schwächer als die der Mädchen. Durch den Wegfall der allgemeinen Wehrpflicht wurde ein Jahr gewonnen. Sollte man ihnen dieses eine Jahr jetzt nicht für ihre schulische und damit ihre Persönlichkeitsentwicklung gönnen?

(Siehe didacta-Themendienst / www.bildungsklick.de)



 

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