Philologenverband Baden-Württemberg (PhV BW) und Deutscher Philologenverband (DPhV) auf der Didacta in Stuttgart - 14. bis 18. Februar 2017

Deutscher Philologenverband (DPhV) und Philologenverband Baden-Württemberg (PhV BW) informierten auf einem gemeinsamen Stand in Halle 1 der Messe Stuttgart die Besucher der Didacta über ihre Arbeit, ihre Standpunkte, Angebote und Leistungen. Gabriele Lipp, Geschäftsführerin des DPhV, und Dr. Alexander Zier, Geschäftsstellenleiter des PhV BW, betreuten den Auftritt des Verbandes zusammen mit weiteren Vorstandsmitgliedern aus dem Landesverband und den Bezirksverbänden des PhV BW und versorgten die interessierten Besucher mit den bereitgestellten Informationsmaterialien.

Der Verband Bildungsmedien e.V. veranstaltete im Rahmen der Didacta an allen fünf Messetagen insbesondere im "Forum Bildung" Vorträge, Debatten mit viel Prominenz und Kompetenz aus Politik, Bildungsverwaltung und Wissenschaft. Hier waren auch der PhV BW und der DPhV, bildungspolitische Sprecher des Landes sowie die Kultusministerin von Baden-Württemberg Dr. Susanne Eisenmann vertreten. Einige Höhepunkte dieser Reihe von Diskussionsveranstaltungen zu aktuellen bildungspolitischen Themen werden hier zusammengefasst.

Schule der Zukunft - Zukunft der Schule: Schulentwicklung in Baden-Württemberg

Unter diesem Titel gab Kultusministerin Dr. Susanne Eisenmann am ersten Tag der Bildungsmesse einen zusammenfassenden Überblick über aktuell in der Bildungspolitik des Landes Baden-Württemberg behandelten Themen und Projekte. Zu Beginn ging Kultusministerin Eisenmann auch auf ihre Funktion als Präsidentin der Kultusministerkonferenz im Jahre 2017 ein,
wobei ein Schwerpunkt des Präsidentschaftsjahres 2017 die "Berufliche Bildung mit ihren Übergängen, Abschlüssen und Anschlüssen" sein werde.

Auch die "Digitalisierung" an allgemeinbildenden Schulen werde ein wichtiges Thema sein, wobei in Baden-Württemberg ein gewisser Nachholbedarf bestehe. Hier betonte sie allerdings die Notwendigkeit, zunächst ein pädagogischen Konzept zu entwickeln: Der Ersatz des Buches durch den Laptop sei jedenfalls kein Konzept. Vor allem in der Grundschule müsse Lesen, Schreiben und Rechnen Vorrang haben, natürlich auch mit den Medien Arbeiten, aber nicht Programmieren. Ab Klasse 7 soll dann die Informatik eingeführt werden, da dies aber Ressourcen erfordere, sei dies nur schrittweise in allen Schularten möglich, beginnend zum neuen Schuljahr am Gymnasium.

Eisenmann wies auf die Bandbreite von Schularten in Baden-Württemberg hin, wobei über 40 Prozent (in manchen Städten mehr, z. B. Heidelberg 60 Prozent) der Kinder von der Grundschule ans Gymnasium gehen. Hier sei es wichtig, die Durchlässigkeit und auch den beruflichen Bereich mehr bewusst zu machen, um Bildung möglichst passgenau vermitteln zu können. Dazu sollten auch die Realschulen wieder gestärkt werden, insbesondere um für den Arbeitsmarkt auszubilden und für die beruflichen Gymnasien vorzubereiten. Dass Baden-Württemberg bei Bildungsstudien im unteren Mittelfeld zu finden ist, kann nach Aussage der Kultusministerin natürlich nicht zufrieden stellen. Schule müsse eben wieder Ort der Wissensvermittlung sein, Lehrerinnen und Lehrer müssten entlastet werden und mehr Wertschätzung erfahren, sie sollten wieder mehr "Lehrer" und nicht nur Lebens- und Lernbegleiter sein.

Anschließend kam unter der Leitung der Journalistin Tanja Schulz auch das Publikum ins Gespräch mit der Kultusministerin. Es kamen Fragen aus verschiedenen Gebieten, die im Folgenden nur andiskutiert werden konnten.

Im Zusammenhang mit dem Thema "Digitalisierung" wurden fehlende IT-Beauftragte beklagt. Warum ein Fach Wirtschaft eingeführt werden soll, das in NRW übrigens abgelehnt wird?
Schüler werden immer unkonzentrierter und schlechter: was kann der Lehrer da machen, wie kann man das ändern? Eine nicht so leicht zu beantwortende Frage. Manches kann der Lehrer auch nicht allein bewirken. Ein Tipp der Ministerin: Eltern könnten mit ihren Kindern am Wochenende auch mal wieder in den Wald gehen.

Auch G8-G9 wurde kurz angesprochen und die Stellung der Gemeinschaftsschule besorgt hinterfragt. Kultusministerin Eisenmann griff die Fragen auf und stellte fest, dass die Einführung von G8 in Baden-Württemberg 2004 aus ihrer Sicht wohl ein Fehler gewesen sei, betonte aber gleichzeitig, dass das jetzt bestehende Bildungssystem keine weitere Schulstrukturdiskussion brauche und daher auch kein Zurück zu G9. In diesem Sinne versuchte sie beruhigend zu wirken und bescheinigte auch der Gemeinschaftsschule höchste Wertschätzung.
Zur Frage der Fremdsprache (Englisch/Französisch) in der Grundschule erläuterte die Kultusministerin, es sei noch nichts entschieden, eine Tendenz zur Klasse 3 sei zwar erkennbar, aber es werde alles erst genau untersucht.

Wohin mit der Gemeinschaftsschule?

Zur Diskussion über die Gemeinschaftsschule trafen sich am Mittwoch der Bildungswoche
in Stuttgart unter Leitung des Journalisten Lothar Guckeisen: Sandra Boser, Bildungs-,
Schulpolitische Sprecherin der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN im Landtag
Baden-Württemberg, Dr. Stefan Fulst-Blei, Bildungs-, Schulpolitischer Sprecher der SPD-Fraktion
im Landtag Baden-Württemberg, Dr. Timm Kern, Bildungs-, Schulpolitischer Sprecher der Fraktion FDP/DVP im Landtag Baden-Württemberg, Karl-Wilhelm Röhm, Schulpolitischer
Sprecher der CDU-Fraktion im Landtag Baden-Württemberg.

In einer ersten Runde nahmen die Teilnehmer am Podium zunächst zum aktuellen Stand der Gemeinschaftsschule Stellung. Während Stefan Fulst-Blei und Sandra Boser deutlich machten, dass sie zu dieser Schulart stehen und die Gemeinschaftsschule inzwischen erfolgreich arbeite, kritisierte Karl-Wilhelm Röhm die zum Schuljahr 2012/13 überstürzte und teils chaotische Einführung der Gemeinschaftsschule, versicherte aber, dass man sehr wohl akzeptiere, dass es diese neue Schulart nun einmal gibt und beobachte sie in ihren unterschiedlichen Ausprägungen.
Auch Timm Kern äußerte seine Kritik an dem enorm hohen Tempo bei der Einführung dieser Schulart mit der Schaffung von 299 Gemeinschaftsschulen in so kurzer Zeit und insgesamt an der durch die seit 2011 vielen Reformen verursachten Unruhe im Bildungssystem. Zur Umsetzung ihres anspruchsvollen pädagogischen Konzepts benötige die Gemeinschaftsschule eben mehr Zeit.

Als Gründe für die von zunächst 42 nun inzwischen 299 eingerichteten Gemeinschaftsschulen sieht Karl-Wilhelm Röhm hauptsächlich die Standortsicherung, die aber keine Alternative für Werkrealschulen bieten könnten, während Fulst-Blei das pädagogische Konzept als Hauptgrund sieht: drei Schularten an einer Schule sei eben eine Chance auch für Werkrealschulen. Sandra Boser betont stattdessen die vielfältigen Gründe, auch den demografischen Wandel, aber auch die Tatsache, dass es im Dreisäulenmodell keine Alternative gibt, keine verlängerte Grundschule, kein längeres gemeinsames Lernen. Timm Kern beklagte nochmals die seit 2011 mit Tempo in Gang gesetzten Veränderungen, er hätte sich ein behutsames Vorgehen gewünscht. Es gab 2011 keine katastrophalen Verhältnisse im Bildungssystem von Baden-Württemberg, das damals sogar mit an der Spitze der Bildungsstudien lag. Dies spreche gegen eine Abschaffung des mehrgliedrigen Schulsystems, gegen eine Schule für alle.

Zum Schluss kam auch die Ausstattung der Schularten und Ressourcenzuteilung zur Sprache. Stefan Fulst-Blei bezeichnete es als fahrlässig, an der Streichung von 1000 Lehrerstellen festzuhalten. Kern betonte in diesem Zusammenhang die Forderung, alle Schularten gleich zu behandeln und nicht die Gemeinschaftsschulen zu bevorzugen, wie beispielsweise beim Klassenteiler, und setzte sich im Sinne eines "Schulfriedens" für einen fairen Wettbewerb unter den Schularten ein. Gleichzeitig äußerte er sich skeptisch bezüglich einer Oberstufe an der Gemeinschaftsschule, die nur eine Konkurrenz für die beruflichen Gymnasien bedeuten würde und kein zusätzliches Bildungsangebot, wie von Sandra Boser begründet.

G8/G9: Welcher ist der richtige Weg zum Abitur in Baden-Württemberg?

Über den richtigen Weg zum Abitur diskutierten auf der Bildungsmesse in Stuttgart unter Leitung des Journalisten Lothar Guckeisen: der Geschäftsführer der Stiftung Mercator, Winfried Kneip,
die GEW-Vorsitzende Baden-Württemberg Doro Moritz, die Leiterin des Referats "Allgemein bildende Gymnasien" im Kultusministerium des Landes Baden-Württemberg Claudia Stuhrmann, und Bernd Saur, Vorsitzender des PhV BW.

Ausgehend von der Zeit nach der Wende und der Wiedervereinigung in Deutschland, als es im Osten nur das 8-jährige Gymnasium gab und im Westen das 9-jährige Gymnasium zu finden war, wurden von den Podiumsteilnehmern zunächst die verschiedenen Gründe vorgetragen, die zu einer Einführung des G8-Gymnasiums in Deutschland führten. Claudia Stuhrmann machte die europäische Entwicklung und die Globalisierung mitverantwortlich und bezeichnete einen Weg zurück zu G9 als schwerwiegenden Eingriff. Bernd Saur stellte klar, dass mit Forderung des Philologenverbandes keineswegs das "Zurück zu G9" sondern eben die Parallelführung mit freier Wahl des Weges zum Abitur für die Schülerinnen und Schüler gemeint ist. Unter anderem sei das Alter der G8-Abturienten mit 17 Jahren und 20-22 Jahren beim Eintritt in das Berufsleben nicht angemessen. Doro Moritz verwies darauf, dass es bereits zwei Wege zum Abitur gebe, nämlich das G8 und der Weg über das berufliche Gymnasium.

Als die Frage auftauchte, wozu denn die 44 Modellversuche mit G9-Gymnasien dienen sollten, nachdem, es mit G9 doch die langjährigen Erfahrungen gebe, erläuterte Stuhrmann, dass es hier darum gehe, verschiedene Dehnungsmodelle zu erproben die vom G8-Bildungsplan zum G9-Plan führen können. Bernd Saur betonte, es sei sowieso klar, dass hier in der Mittelstufe die Dehnung nötig sei, und legte Wert darauf, dass G9 kein Billig-Gymnasium sein solle, sondern die Möglichkeiten der Schülerinnen und Schüler einschließlich der Persönlichkeitsbildung erweitern solle. Doro Moritz erwiderte natürlich müsse das G8 so gestaltet und weiterentwickelt werden, dass die Persönlichkeitsbildung nicht zu kurz komme.

Schulstress: Wieviel Leistungsdruck vertragen unsere Schüler/-innen?

Am letzten Tag der Bildungsmesse didacta 2017 in Stuttgart trafen sich unter Leitung des Journalisten Lothar Guckeisen zur Diskussion über "Schulstress" der Vorsitzende des Deutschen Philologenverbandes (DPhV) Heinz-Peter Meidinger, Dr. Josef Meier von der Philologisch-Historischen Fakultät Universität Augsburg, der Senator für Schule und Berufsbildung der Freien und Hansestadt Hamburg Ties Rabe und Erika Takano-Forck, stellvertretende Vorsitzende des Bundeselternrates.

Auf die Frage des Moderators Lothar Guckeisen, ob denn der Schulstress allgemein größer geworden sei, reagierten die Teilnehmer auf dem Podium unterschiedlich. Einerseits meinte Ties Rabe, es sei zunächst einmal eine genaue Definition nötig, was Stress eigentlich ist, und Erika Takano-Forck ergänzte, wenig herausgefordert zu sein, Langeweile also, könne auch Stress bedeuten. Heinz-Peter Meidinger stellte fest, dass es zu dieser Fragestellung auch keine Vergleichsstudien gebe, insgesamt könne man die Schulen von früher teilweise als "härter" bezeichnen, unter welchen Gesichtspunkte auch immer, es gab großen "Druck" und viele Schulabbrecher.

Die Vertreterin des Bundeselternrates Erika Takano-Forck verwies darauf, dass die Angst bei Schülerinnen und Schülern aber da sei, und sie sei viel stärker geworden. Heinz-Peter Meidinger gab zu Bedenken, dass die Belastbarkeit von Kindern insgesamt geringer geworden sei, was auf eine Vielzahl von Ursachen zurückzuführen ist: Beispielsweise seien Einzelkinder viel auffälliger geworden. Auch tragen teilweise organisatorische "Mängel" zum Schulstress bei, wenn es z.B. um die Verteilung der Klassenarbeiten geht. Josef Meier von der Universität Augsburg brachte an dieser Stelle die Erwartungshaltung mancher Eltern ins Bewusstsein, die bei Schülerinnen und Schülern zusätzlichen Stress erzeugen könne. Insgesamt aber müsse Schule um stressreduzierten Unterricht bemüht sein.

Die Frage von Lothar Guckeisen "Was kann Schule machen bei Kindern, die Stress empfinden?" wurde von den Podiumsteilnehmern wohlmeinend aufgegriffen. Doch einhellig wurde vor einer "Kuschelpädagogik" gewarnt. Ties Rabe betonte, Leistung gehöre dazu, nicht das Anforderungsniveau senken, sondern Leistung frei setzen, negativen Stress vermeiden.
Meidinger ergänzte, Schule dürfe nicht "zu wenig" Stress bedeuten. Beispielsweise müssen Prüfungsdiktate nicht unbedingt mit Stress verbunden sein, was auch evtl. durch die Häufigkeit gesteuert werden könne. Josef Meier machte ebenfalls deutlich, dass er kein Vertreter der "Kuschelpädagogik" sei. Insbesondere seien Noten in der Schule notwendig.

Eine abschließende Frage von Lothar Guckeisen ging an den Heinz-Peter Meidinger bezüglich Bayern, das dabei ist, zum G9-Gymnasium zurückzukehren. Meidinger stellte klar, dass die Rückkehr zu G9 in Bayern nicht wegen Schulstress erfolgen werde sondern aus einer Vielzahl anderer Gründe. G8 erzeuge nicht unbedingt mehr Stress. Ties Rabe stimmte dem zu, er sei auch gegen die Einführung von G8 gewesen.

Andreas Horn



 

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