Editorial

Verehrte Leserin, verehrter Leser,

wir erinnern uns: am 4. Dezember 2001 schockte das Ergebnis der ersten PISA-Studie die deutsche Öffentlichkeit. Einen ähnlichen Schock erfuhren die Baden-Württemberger, als am 28. Oktober 2016 der "Bildungstrend 2015" des Instituts zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) in Berlin vorgestellt wurde und ein erschreckendes Abrutschen im Länderranking dokumentierte. Im Vergleich zu der Erhebung 2009 hatten sich die Schülerleistungen der Neuntklässler im Ländervergleich deutlich verschlechtert. Um Interessierten die komplette Lektüre der über 500 Seiten umfassenden Studie zu ersparen, legten wir zu den gymnasialspezifischen Daten Ende 2016 eine Sonderausgabe von "Gymnasium Baden-Württemberg" vor. Die Daten wurden gleichzeitig auch in der letzten Ausgabe des Jahres 2016 in unserer Verbandszeitschrift veröffentlicht.

Die gesamte "bildungspolitische Szene" in Baden-Württemberg und allen voran unsere Kultusministerin, die inzwischen bekanntermaßen das Amt der KMK-Präsidentin bekleidet, begannen mit der Ursachensuche. Alle bewegte die Frage, was wir in Baden-Württemberg wohl falsch gemacht haben müssen, um ein so ernüchterndes Ergebnis "einzufahren". Sollte sich am Ende die zwischen 2011 und 2016 apodiktisch zelebrierte reformpädagogische Euphorie als die traumtänzerische Seifenblase erweisen, als die sie bereits 2011 von erfahrenen Schulpraktikern benannt wurde?

Anfang des neuen Jahres schlug die Stunde der Anhörungen: am 18. Februar 2017 stellte die Direktorin des IQB, Frau Prof. Dr. Petra Stanat, die Ergebnisse im Haus der Wirtschaft in Stuttgart vor, und Vertreter verschiedener Verbände und Institutionen erklärten in kurzen Statements, worin sie die Ursachen für das IQB-Ergebnis sehen. Zwei Tage später waren die Wissenschaftler(innen) an der Reihe: Die Regierungsfraktionen hatten zu einer Expertenanhörung in den Landtag geladen, wo die Gelingensfaktoren für gute Schule aus wissenschaftlicher Sicht benannt werden sollten.

Als Vorsitzender des PhV BW wurde ich in der Veranstaltung vom 18. Februar 2017 ebenfalls um ein Statement gebeten. Dieses finden Sie im Wortlaut im vorliegenden Heft ab Seite 18. Zusammenfassend nenne ich hier die folgenden Punkte, die wir als Einflussfaktoren zu erkennen glauben:

Wir erwarten, dass unsere Kinder in der Grundschule neben Rechnen auch ganz solide Lesen und Schreiben lernen und sind deshalb gegen das Konzept "Schreiben nach Hören". Wenn bei zunehmender Heterogenität der Schülerschaft und gleichzeitiger massiver Streichung von Anrechnungsstunden für gezielte Fördermaßnahmen dennoch versucht wird, die Nichtversetztenquote möglichst niedrig zu halten, darf man sich nicht wundern, wenn die Leistungen der Neuntklässler schlechter werden. Die gymnasialen Standards dürfen aber nicht aufgeweicht werden.

Über verschiedene Einflüsse (z.B. Referendarausbildung, FEV-Schwerpunktsetzungen, Fortbildungen) konnte sich das Gymnasium dem dogmatischen Ausschließlichkeitsanspruch der sogenannten neuen Lernkultur sicherlich nicht gänzlich entziehen. Alles, was irgendwie nach sogenanntem lehrerzentrierten Unterricht riecht und nicht der Vorstellung vom Lernbegleiter nahe kommt, wird verteufelt. Kooperative Unterrichtsformen scheinen sakrosankt zu sein. Die Unterrichtsform bzw. Unterrichtskultur ist jedoch kein Selbstzweck. Sie muss im Dienste des Lernzuwachses, der Fähigkeiten und Kenntnisse unserer Schülerinnen und Schüler stehen. Genau dies jedoch (und eben dies wird ja nun einmal bei den einschlägigen Erhebungen wie z.B. VERA 8, IQB, PISA etc. gemessen) scheint bei all den Reformen der letzten Legislaturperiode gar nicht im Fokus gestanden zu haben.

Wie kann es sein, dass viele Schulen, die bei VERA 8 gut abgeschnitten haben, in der Fremdevaluation schlecht abgeschnitten haben und andersherum? Was misst denn die Fremdevaluation? Und was war der Effekt von elf Jahren Schulentwicklung (z.B. durch spezielle Fachberater für Schulentwicklung)? Die Schülerleistungen scheinen sie letztlich nicht verbessert zu haben. Muss hier nicht einiges auf den Prüfstand? Und ist die Kompetenzorientierung unserer Bildungspläne wirklich der Weisheit letzter Schluss? Ihre Kritiker verstummen jedenfalls nicht.

Unsere Lehrkräfte sind deutlich stärker beschäftigt als früher, aber kommt deshalb auch beim Schüler mehr an oder ist dies nur eine Art "Gschaftlhuberei", die im pädagogischen Nirvana verpufft? Dann wäre es schade um die wertvolle Lebenszeit, die die Kolleginnen und Kollegen investiert haben.

Wir plädieren nachhaltig dafür, das gymnasiale Referendariat wieder auf zwei Jahre zu verlängern.

In Übereinstimmung mit dem Landesschülerbeirat plädieren wir für klare Lernziele und Unterrichtsstrukturen sowie eine solide Ergebnissicherung am Ende der Lerneinheit. Wir treten ein für eine Stärkung der Fachlichkeit in der Lehrerausbildung und im Unterricht. Wir plädieren für mehr akademische Fachfortbildungen und bezweifeln, ob Pflichtfortbildungen zu einer Qualitätsverbesserung führen. "Was ist guter Unterricht?" ist und bleibt die Kernfrage. Nur das Zusammen- wirken unverzichtbarer und unveräußerlicher Qualitätsmerkmale für guten Unterricht kann einen optimalen Lernfortschritt und Lernerfolg bei unseren Schülerinnen und Schülern garantieren. Wir hoffen sehr, dass nur solche Maßnahmen getroffen werden, die im Zusammenspiel diese Wirkung entfalten.

Mit den besten Wünschen für ein schönes Osterfest
grüße ich Sie herzlich aus Stuttgart,

Ihr Bernd Saur,
Vorsitzender PhV BW

Beiträge in dieser Ausgabe

Editorial (B. Saur)

PhV BW bei Kundgebung des BBW in Stuttgart (A. Horn)

Ergebnis der Tarifrunde 2017 für Arbeitnehmerlehrkräfte (U. Kampf)

Bericht von der "didacta 2017" in Stuttgart (A. Horn)

Bildungsklick-Interview zu G8/G9 mit Bernd Saur (PhV BW)

Bildungsklick-Interview zu "Schule ohne Stress" mit H.-P. Meidinger (DPhV)

Thema aktuell DIE GRÜNEN (Sandra Boser; PDF)

Referat GMS im PhV BW (T. Wiedemann)

Klausurtagung Junge Philologen (M. Scherer)

Arbeitnehmerfortbildung in Ulm (S. Selinka)

Aktuelles aus dem HPR

Bernd Saur zur IQB-Studie (Haus der Wirtschaft, Stuttgart)

Verein "Gymnasium (Giebel, Wagner; PDF)

dbb-Vorsorgewerk Baufinanzierung (PDF)

 

www.phv-bw.de