Offener Brief einer Mutter an Kultusministerin Dr. Susanne Eisenmann

Sehr geehrte Frau Dr. Eisenmann,

als Mutter zweier schulpflichtiger Kinder möchte ich mich in meiner Enttäuschung und meinem Unverständnis gegenüber der momentanen Bildungspolitik in Baden-Württemberg in einem Offenen Brief an Sie wenden!

Unser 13jähriger Sohn besucht die 8. Klasse eines staatlichen Gymnasiums in Heidelberg. Er hat eine 36 Schulstunden Woche zu absolvieren, die nach Unterricht an drei Nachmittagen freitags um 15:30 Uhr endet. Da es sich um keine Ganztagsschule handelt, kommen Hausaufgaben sowie natürlich Lernen für Klausuren noch dazu.

Als Ministerin auch für Sport, sehr geehrte Frau Dr. Eisenmann, hören Sie sicher gerne, dass er ein begeisterter Eishockeyspieler ist.

Zudem spielt unser Sohn seit 7 Jahren Gitarre - wir freuten uns immer über seine vielfältigen bereichernden Interessen...!

Jetzt gibt es allerdings bange Gedanken: wie lange wird die Kraft reichen, wie soll der Junge das alles schaffen, zumal auch noch in der Pubertät...?

Ja, ich ahne, was Sie hier anmerken würden, aber er ist ein guter Schüler und vollkommen geeignet für das Gymnasium!

Sehr geehrte Frau Dr. Eisenmann, in Ihrer Begründung gegen die Einführung des G9 an weiteren Gymnasien schilderten Sie Ihr Anliegen, "den Schulen im Land in den kommenden Jahren die nötige Ruhe und Zeit zu geben", Zeit und Ruhe - zwei Dinge, an denen es unserem Sohn und allen anderen Gymnasiasten dank G8 in den nächsten Jahren leider täglich mangeln wird!

Ich würde mir wünschen, dass Sie den Gymnasiasten, über die Sie bestimmen, persönlich gegenübertreten und ihnen Auge in Auge erklären, warum Schule für sie so sein muss (und überhaupt sein darf!), wie sie momentan ist.

Ist Ihnen eigentlich bewusst, dass es sich bei der Schülerschaft um keine anonym zu verwaltende Masse handelt, sondern um eine Vielzahl verletzlicher junger Menschen mit ihren ganz eigenen Bedürfnissen, Ängsten, Stärken, Schwächen...?

Ebenso wünsche ich mir, dass Sie meiner Tochter (4. Klasse) erklären, warum sie - ebenfalls sehr sportbegeistert und musikalisch - in Heidelberg leider nicht die Möglichkeit hat, an einem staatlichen (Halbtags-)Gymnasium das G9-Abitur zu machen, zusammen mit den zahlreichen anderen Kindern, die sich für diesen Weg entscheiden würden.

9 Jahre Zeit bis zum Abitur - ein Privileg, das Ihren Politikerkollegen im Rahmen des "Modellversuchs" an drei (!) Stuttgarter Gymnasien sehr zügig ermöglicht wurde. Ist diese wohnortabhängige Ungleichheit eigentlich verfassungskonform?

Sehr geehrte Frau Dr. Eisenmann, bitte erklären Sie mir doch, warum von den alten Bundesländern allein Baden-Württemberg - gegen den Willen einer Vielzahl der Wähler, weit über 14.000 Unterschriften im Rahmen der Petition des Philologenverbandes für eine Wahlmöglichkeit G8/G9 sprechen doch für sich! - weiterhin (fast) vollständig auf G8 setzt.

Entgegen dem Wahlversprechen der CDU!

Gibt es Erkenntnisse über eine erhöhte seelische Belastbarkeit der Kinder unseres Bundeslandes, die mir als Ärztin noch nicht bekannt sind?

Oder hat es doch eher mit der schwäbischen Sparsamkeit zu tun?

Es gibt tatsächlich Bekannte im Dreiländereck Rhein-Neckar-Odenwald, die über einen Umzug nach Hessen oder Rheinland-Pfalz nachdenken.

Das kann doch wirklich nicht in Ihrem Interesse sein!

Sehr geehrte Frau Dr. Eisenmann, bitte korrigieren Sie mich, aber wenn ich mich in meinem Bekanntenkreis umschaue, beginnt eigentlich kaum ein Abiturient früher mit der Berufsausbildung: dies scheitert entweder formal an der fehlenden Volljährigkeit, an der Ratlosigkeit bezüglich der beruflichen Eignung und/oder der totalen mentalen Erschöpfung, die mindestens einige Monate "Ausspannen" - je nach Geldbeutel der Eltern in interessanten Ländern oder auf dem heimischen Sofa- mit sich bringt.

Warum müssen unsere Kinder in wichtigen vulnerablen Phasen ihrer Entwicklung sprinten, um dann im Ziel erstmal liegenzubleiben?

Schade auch, dass nach der Pause die Lerninhalte, bulimieartig gelernt und nicht durch Üben gefestigt, zum Studienbeginn noch schwerer abzurufen oder gar verschwunden sind!

Also muss ein Propädeutikum her.......!

Hoch lebe der internationale Vergleich!

Neben den direkt spürbaren Folgen Ihrer ablehnenden Haltung dem entschleunigten Weg zum Abitur gegenüber fürchte ich noch eine weitere Konsequenz:

Wie soll es uns Eltern gelingen, unsere Kinder dazu zu erziehen, sich politisch zu engagieren und keine verdrossenen Protest- oder Nichtwähler zu werden, wenn (Bildungs-) Politiker Promotionen fälschen, ihre Versprechen nicht einhalten und Wählermeinungen missachten?

Sehr geehrte Frau Dr. Eisenmann, so bleibt mir jetzt als Mutter wohl nichts anderes übrig, als den Druck auf meine Kinder möglichst abzupuffern und mir alle Mühe zu geben, sie zu ehrlichen, christlich und demokratisch denkenden Menschen mit vielfältigen Interessen zu erziehen, die hoffentlich niemals den Glauben an sich und an die anderen verlieren.

Schade, dass die Politik in unserem Bundesland mir dabei so wenig hilft...!


Mit freundlichen Grüßen

Anja Plesch-Krubner, Heidelberg



 

www.phv-bw.de