Vortragsabend mit Josef Kraus beim Bezirksverband Nordbaden des Philologenverbandes BW:

Für eine Neujustierung der Bildungspolitik

Für eine Neujustierung der Bildungspolitik plädierte Josef Kraus, Präsident des deutschen Lehrerverbandes (DLV), bei einem Vortragsabend am 25. November 2016 im Hilda-Gymnasium Pforzheim. Der erfahrene Pädagoge Kraus, mit freundlichen Worten eingeführt von Karin Fetzner, Schriftführerin im Bezirksverband Nordbaden, zeigte aktuelle Missstände auf. An den jüngsten IQB-Daten sei abzulesen, wie schnell ein Schulsystem in relativ kurzer Zeit geschwächt werden könne.

Ob man denn "Humboldt endgültig an den Kragen" wolle? - fragt der Präsident. Maßnahmen der inneren Aushöhlung hätten das Gymnasium massiv beschädigt, das einst als "Flaggschiff des deutschen Bildungswesens" gegolten habe. Diese Maßnahmen - der Autor spricht von trojanischen Pferden - seien dem "sakralen Egalitarismusgedanken" schulpolitischer Entscheidungsträger geschuldet. Dabei sei das Gymnasium alles andere als elitär. Vielmehr diene das Gymnasium schon lange als "soziale Steigleiter", was man den hohen Übergangszahlen von der Grundschule aufs Gymnasium entnehmen könne. So hätten sich die Zahlen seit Ende der 60-er Jahre verzehnfacht.

Die von "Gymnasialallergikern" induzierten trojanischen Pferde zur Aushöhlung des Gymnasiums werden nun im Einzelnen aufgeführt:

Für Letzteres nennt Kraus das Beispiel Berlin, wo innerhalb von zehn Jahren die Anzahl von Abiturienten mit der Note 1,0 um das 14-fache angestiegen sei.

Auch an den anderen Schularten - die Gemeinschaftsschulen verzichten bewusst auf Noten - würde "Notenkuschelpolitik" betrieben. Dies führe dazu, dass Betriebe sich aufgrund der mangelnden Reliabilität der Schulnoten gezwungen sähen, Eingangstests durchzuführen.

Es sei zwingend notwendig, die "Erfolgsgeschichte des Gymnasiums wiederzubeleben". Das Gymnasium sei eine Aufsteigerschule. Als Beleg dafür nennt er, dass alle deutschen Nobelpreisträger eine gymnasiale Bildung genossen hätten.

So sei es wichtig, gymnasialpolitische Handlungsfelder zu skizzieren, und die Bildungspolitik neu zu justieren. Freiheit müsse wieder Vorrang vor Gleichheit haben. Vermeintliche Gleichheit werde immer durch Absenkung des Anspruchsniveaus erkauft, wodurch Menschen in ihren Herkunftsmilieus festgehalten würden. Als Beispiel nennt Kraus die Reduktion des Grundwortschatzes an Grundschulen auf 700 Wörter. Gleichmacherei gefährde Anstrengungsbereitschaft und Leistungswillen, und Kraus zitiert: "Nichts ist so ungerecht wie die gleiche Behandlung von Ungleichen."

Im Weiteren tritt Kraus für Inhalte statt Kompetenzen ein. Er bemängelt eine "postfaktische Schulpolitik", den Austausch von Lerninhalten durch "soft skills" und eine inflationäre Verwendung des "Reklamewortes" Kompetenz. So finde sich im Fachlehrplan Latein in NRW 202mal der Begriff "Kompetenzen". Erschreckend sei demgegenüber festzustellen, dass kein einziger antiker Autor genannt werde.

Nachweislich zeige sich, dass sich die Fertigkeiten der Grundschüler trotz Kompetenzorientierung verschlechtert hätten. Es gehe nur noch darum "Texthäppchen zu paraphrasieren". In diesem Zusammenhang zitiert Kraus Eschenbach: "Wer nichts weiß, muss alles glauben."

Der ehemalige Schulleiter warnt davor, digitalen Offensiven an den Schulen, wie aktuell von der Bildungsministerin Johanna Wanka mit dem Digitalpakt gefordert, zu viel Raum zu geben. Digitalisierung könne kein Gegenstand von Bildung sein, sondern habe eine dienende Funktion.

Auch auf Pisa-Tests und OECD-Ergebnisse hat Kraus eine dezidiert kritische Sicht. Bildung erschöpfe sich nicht in dem, was von Pisa gemessen werde. Es sein ein Irrweg zu glauben, dass es sich bei Pisa-Tests um ein didaktisches Konzept handle, dem normative Gültigkeit zugesprochen werden könne.

Unersetzlich sei für eine qualitätsorientierte gymnasiale Bildung das Fachprinzip. Wissen sei Voraussetzung dafür, vernetzt denken zu können und Bezüge zu anderen Fachdisziplinen herzustellen. Nur dann mache Projektarbeit Sinn. Der Autor wörtlich: "Wer nichts weiß, muss alles googeln bzw. kann nicht googeln." Auch sei falsch anzunehmen, dass sich das Wissen immer schneller überhole. Vielmehr müsse man eine Renaissance des kanonischen Wissens fordern, sozusagen ein Vorratswissen oder verlässliches Wissen. Kraus wehrt sich gegen die "Diskreditierung des Leistungsgedankens", gegen "Erleichterungspädagogik" und gegen die "Abschaffung des Sitzenbleibens". Auch Elitenbildung dürfe nach Kraus kein Tabuthema sein. Eliten gebe es in vielen Sparten der Gesellschaft, und schließlich bedürfe es Menschen, die als "Leistungs-, Funktions-, und Reflexionseliten" auch Vorbildcharakter für junge Menschen hätten. Letztlich würde die gesamte Gesellschaft davon profitieren.

Nicht zuletzt müsse man dem Pisa-Terror den nicht messbaren Wert von Bildung gegenüberstellen. Es dürfe nicht sein, dass Menschen nur so viel Bildung gestattet würde, wie die OECD zugestehe. So müssten die Fachdisziplinen gestärkt und die Inhalte wiederbelebt werden.

Die Verkürzung des Gymnasiums schließlich von G9 auf G8 betrachtet Kraus als großen Fehler. Es mangle den meisten Abiturienten an persönlicher Reife. Dabei berge das Gymnasium seit jeher die Chance, junge Menschen während dreier Lebensphasen zu prägen. Dazu gehörten die späte Kindheit ebenso wie die Früh- und Hochpubertät und die Adoleszenz. Man müsse endlich Schluss machen mit der deutschen Selbstverleugnung in Sachen Schule. Länder wie Japan, Kanada, Finnland und Singapur seien keinesfalls Vorbilder für das deutsche Schulsystem, wie es andere glauben machen wollen.

Es ist Josef Kraus einmal mehr gelungen, die Zuhörerschaft mit seiner flammenden Rede gegen Angriffe von außen zu "immunisieren" und für den Erhalt des Gymnasiums zu "munitionieren", was nicht nur an dem langanhaltenden Beifall des Publikums zu erkennen war. Besonderer Dank gilt dem Hauptorganisator des Vortrags, Thomas Schwan, Schatzmeister im Bezirksverband Nordbaden, sowie der Schulleiterin Frau Edith Drescher und der stv. Schulleiterin Frau Anette Walter, die durch ihre Präsenz die Wichtigkeit des Themas unterstrichen haben.


Stephan Neubrand



 

www.phv-bw.de