Editorial

Verehrte Leserin, verehrter Leser,

die in der (Vor-)Weihnachtszeit diskutierten schulpolitischen Themen kreisten allesamt um die Frage nach der Qualität: der Qualität von Unterricht und Bildung, aber auch der Qualität von Schulabschlüssen, also zum Beispiel der Aussagekraft und Wertigkeit des Abiturs in Deutschland.

Dass die Anforderungen in den Reifeprüfungen der sechzehn Bundesländer stark variieren ist keine neue Erkenntnis. Wer hierzu kritische Fragen stellte, vor allem natürlich die Frage nach der Gerechtigkeit beim Hochschulzugang, wurde bislang auf die Vereinheitlichungsbestrebungen der Bundesländer bei der Gestaltung der schriftlichen Abiturprüfung, d.h. auf den ab der Abiturprüfung 2017 zur Verfügung stehenden Aufgabenpool hingewiesen.

Bei genauerer Betrachtung wird schnell klar, dass diese Maßnahme lediglich ein Tropfen auf den inzwischen immer heißer werdenden Stein ist. Ein Bundesland kann, muss aber nicht, in den Fächern Deutsch, Mathematik, Englisch und Französisch z.B. eine von mehreren Aufgaben aus dem in den letzten Jahren mit erheblichem Ressourcenaufwand bestückten Pool entnehmen.

Bundeslandspezifische Schwerpunktthemen engen den Spielraum für die Wahl von Poolaufgaben ohnehin stark ein. Selbst wenn ein Land mehrere Einzelaufgaben aus dem Pool entnehmen würde, bliebe der Einheitlichkeitsfaktor des Länderabiturs dennoch sehr gering, weil sich viele Einzelregelungen für die Abiturprüfung von Bundesland zu Bundesland zum Teil erheblich unterscheiden, beispielsweise in folgenden Punkten:

Gewichtung der Prüfung im Gesamtpunktesystem, unterschiedliche Einbringungspflichten, unterschiedliche Anzahl von Prüfungsfächern, differierende Bewertungsgewichtungen, System mit oder ohne Leistungskurse, unterschiedliche Korrektursysteme. Während ein Prüfling in Bayern seine mündliche Aufgabe 30 Minuten vor der Prüfung gestellt bekommt, hat der Prüfling in Hamburg zwei Wochen Zeit, seine mündliche Prüfung in Form einer Präsentation vorzubereiten.

Die ständig größer werdende Schere zwischen einer bundesweit feststellbaren nachlassenden Studierfähigkeit, d.h. steigenden Abbrecherquoten an den Hochschulen, und in manchen Bundesländern ständig besser werdenden Abiturschnitten wirft verstärkt die Frage auf, ob die in besagten Bundesländern offensichtlich praktizierte Durchwink- und Gefälligkeitspädagogik noch länger akzeptiert werden kann.

Während die baden-württembergischen Abiturientinnen und Abiturienten im Ländervergleich beim Studium am besten zurechtkommen und reüssieren und während Baden-Württemberg das einzige Land ist, in dem der Anteil der 1,0er Abiturienten im Vergleich 2006/2015 gesunken ist (von 1,79 auf 1,3 Prozent) kann andernorts eine wahre Inflation guter Schul- bzw. Abiturnoten festgestellt werden. In Berlin hat sich die Zahl der 1,0er Abiturzeugnisse innerhalb von zehn Jahren vervierzehnfacht. NRW hat eine Vervierfachung der Eins-Komma-Abiture zu vermelden. In Thüringen steht auf fast 40 Prozent der Abiturzeugnisse eine "1" vor dem Komma.

Der Präsident des Deutschen Lehrerverbands, Josef Kraus, fordert angesichts dieser Entwicklung, dass künftig "anspruchsvolle Bundesländer" die Abiturzeugnisse "anspruchsloser Bundesländer" nicht mehr anerkennen sollten. Mag diese Forderung sehr drastisch erscheinen, so sollte sie die Kultusminister doch wachrütteln, dass hier dringender Handlungsbedarf besteht.

Mit Jahresbeginn 2017 geht die Präsidentschaft der Kultusministerkonferenz auf die baden-württembergische Kultusministerin über. Frau Dr. Eisenmann ist verantwortlich für gerechte Zukunftschancen für unsere Landeskinder. Sie muss daher ihre neue Funktion unbedingt nutzen, um die beschriebene Disparität und die damit einhergehende Ungerechtigkeit zu thematisieren und gegenüber ihren 15 Amtskollegen zu fordern, dass Föderalismus nicht heißen darf, dass durch eine Art unlauterer Wettbewerb die Chancen der eigenen Landeskinder auf einen Studienplatz verbessert werden und dass durch eine leicht durchschaubare Noteninflation bildungspolitische Fehlleistungen überdeckt werden sollen.

Zur Qualitätsfrage gehört auch die Offensive der Kultusministerin zur Rechtschreibung in den Grundschulen. In einem Brief an die Schulleitungen und Lehrkräfte an den Grundschulen des Landes fordert sie dazu auf, die Methode "Schreiben nach Hören" (sogenanntes lautorientiertes Schreiben) zugunsten des Einübens der richtigen Rechtschreibung aufzugeben. Sie wolle, "dass richtiges Schreiben nicht erst zum Ende der zweiten oder in der dritten Klasse, sondern von Beginn der Grundschulzeit an konsequent unterrichtet wird." Es sei unabdingbar, auf Fehler hinzuweisen. Die Schülerinnen und Schüler wollten wissen, was richtig oder falsch ist. Die Folgen der Methode "Schreiben nach Hören" pflanzen sich bis in die weiterführenden Schulen hinein fort. Die Leidtragenden sind die Kinder. Die Ministerin sollte sich also von der überzogenen Reaktion ihrer Kritiker in dieser Frage nicht beeindrucken lassen und an ihrem Kurs festhalten.

Auch beim Thema Grundschulfremdsprache geht es um Qualität. Angesichts des nun schon seit über zehn Jahren feststellbaren bescheidenen Nutzens des frühen Fremdsprachenlernens ist es durchaus legitim, die bisherige Praxis auf den Prüfstand zu stellen. Das gilt sowohl für den Beginn in Klasse 1 als auch für die angewandte Didaktik. Wir sprechen uns dafür aus, in Klasse 3 zu beginnen, dann aber intensiver und systematischer.

Auch für die Schülerinnen und Schüler steht die Qualität von Schule und Unterricht im Fokus. So bemängelte der Landesschülerbeirat Anfang Dezember, die Ergebnissicherung käme häufig zu kurz und sie wüssten angesichts der sogenannten modernen Unterrichtsmethoden oft nicht, ob das in der Schulstunde Erarbeitete überhaupt richtig ist. Die Schülerinnen und Schüler erwarteten klar formulierte und erkennbare Lernziele und klare Unterrichtsstrukturen.

So ist sie denn also eröffnet: die überfällige Qualitätsdebatte. Das Problem ist nur, dass unter Unterrichts- und Bildungsqualität nicht alle dasselbe verstehen. Der bisher sichtbar werdende Kurs der Kultusministerin scheint indes in die richtige Richtung zu weisen. Das kann nur zum Nutzen unserer Kinder sein.

Ihr Bernd Saur

Vorsitzender PhV BW


Beiträge in dieser Ausgabe

Editorial (B. Saur)

PhV-Hauptvorstand Dezember 2016 (A. Horn)

Beamtenpensionen (K.-H. Wurster)

Überlegungen zur gymnasialen Oberstufe (PhV BW; PDF-Dokument)

Thema aktuell CDU (Karl-Wilhelm Röhm; PDF-Dokument)

Vortragsabend mit Josef Kraus (Stephan Neubrand)

Offener Brief an die Kultusministerin (A. Plesch-Krubner)

Personalräteschulung in Bad Herrenalb (Stephan Neubrand)

Personalräteschulung in Müllheim (Barbara Dupuis)

Aus dem HPR (R. Scholl)

Schulvertreterversammlung Schwäbisch Gmünd (Christian Unger)

Junge Philologen NB: Bewerbertraining (M. Scherer)

Junge Philologen: Lehrkräfte an Gemeinschaftsschulen (J. Sobora)

 

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